Donnerstag, 24 Juli 2025 14:01

Musikstreaming in Köln

Kölner Musiker kämpfen um faire Streaming-Einnahmen. Kölner Musiker kämpfen um faire Streaming-Einnahmen. Foto: pixabay

Für viele Musiker ist Spotify alltäglich geworden – doch nur wenige profitieren davon spürbar. Die Einnahmen aus Musikstreaming liegen meist weit unter der Schwelle, die ein Leben von der Musik ermöglichen würden. Köln, mit seiner vielfältigen Musikszene, bietet ein repräsentatives Bild: Rockbands, Techno-Produzenten, Punkgruppen und Rap-Duos teilen die gleichen Herausforderungen. Brings, Lugatti & 9ine, Gabriel Ananda und Pogendroblem zeigen, wie unterschiedlich die Bedeutung von Spotify für ihre Karrieren ausfällt.

Inhaltsverzeichnis:

Peter Brings setzt auf Konzerte statt Streams

Peter Brings verdient mit seiner Band vor allem durch bis zu 270 Live-Auftritte jährlich – nicht durch Spotify. Dabei gehört Brings mit über 800.000 monatlichen Hörern zu den meistgestreamten Künstlern Kölns. Die bekannten Karnevalshits wie Superjeilezick oder Kölsche Jung füllen Stadien und gehören zur Kölner Kultur.

„80 Millionen Streams, dann könnte ich jeden Tag im Ritz übernachten“, sagt Brings. Heute sei Streaming nicht vergleichbar mit früheren Einnahmen durch die Verwertungsgesellschaft GEMA. Auch der CD-Verkauf bringt kaum noch Gewinn. Die Zahlen klingen groß, doch der reale Ertrag bleibt klein: Für eine Million Streams zahlt Spotify durchschnittlich 3400 Euro – das entspricht rund 0,0033 Cent pro Stream.

Die Band ist in der glücklichen Lage, sich durch ihre starke Präsenz auf Bühnen im gesamten Bundesgebiet zu finanzieren. Auch in kleinen Städten wie Korschenbroich oder Simmerath füllen sie Hallen. Streaming ist ein Zusatz, aber keine Existenzgrundlage.

Pogendroblem setzen auf Vinyl und Förderung

Die Punkband Pogendroblem verlässt sich kaum auf Streaming – sie setzt auf Vinyl, Tape und Fördergelder. Sänger Georg Gläser erklärt, dass die Szene andere Wege kennt: „Im Punk sind Vinyl und Tape noch wichtig, auch das Album-Format an sich.“

Das Kölner Quartett hat etwa 24.000 monatliche Hörer – ähnlich wie Popsängerin Balbina, deren Ausschüttung von Spotify zuletzt 343,36 Euro betrug. Der Betrag reicht kaum für die Finanzierung neuer Projekte. Pogendroblem konnte dagegen mehrfach von Förderungen der Initiative Musik und dem Holger-Czukay-Preis profitieren.

Die Plattform Bandcamp spielt für sie eine größere Rolle als Spotify. Dort erhalten Musiker Geld direkt vom Publikum. Merchandising, physische Tonträger und Konzerte sind weiterhin die tragenden Säulen. „Streaming dient zur Refinanzierung, ist aber keine echte Einnahmequelle für uns.“

Trotzdem ist Spotify für die Sichtbarkeit wichtig. „Die Zahlen der monatlichen Hörer sind für die Außendarstellung von Bedeutung – genauso wie Instagram oder TikTok.“ Die Szene hat sich angepasst, selbst kleine Bands stellen heute ihre Musik auf Streamingdienste.

Gabriel Ananda profitiert von Algorithmen und alten Veröffentlichungen

Der Kölner Techno-Produzent Gabriel Ananda erreicht über Spotify bis zu 800 Euro monatlich – nicht viel, aber stabil. Er sieht im Streaming eine Chance, obwohl der Markt übersättigt ist: „Es ist wirklich bitter, dass in einem völlig gesättigten Markt so viel großartige Musik einfach untergeht.“

Seine monatliche Hörerzahl liegt bei etwa 170.000. Der Künstler, der auf mehr als 300 Veröffentlichungen zurückblickt, nutzt Spotify, um vergriffene Platten einem neuen Publikum zugänglich zu machen. Altes Material taucht wieder auf, wird gesucht und in Playlists gespeichert. Der Algorithmus funktioniert – wenn genug Menschen aktiv danach suchen.

„Die 0,0003 Cent klingen erst einmal nach wenig, aber unterm Strich kommt man bei Spotify besser weg als beim Pressen eigener Platten.“ Doch neue Projekte unter unbekannten Namen haben es schwer, denn auch bei ihm gilt: Sichtbarkeit entsteht nur durch algorithmischen Erfolg.

Lugatti & 9ine beklagen ungerechte Bezahlung

Für das Rap-Duo Lugatti & 9ine ist Spotify wichtig – aber keine stabile Einkommensquelle. Ihre Musik wird regelmäßig gestreamt, sie haben loyale Fans. Doch davon leben, so der Rapper 9ine Bro, könne niemand: „Man hat schon das Gefühl, dass man da meistens nicht so gut wegkommt.“

Die Kölner sehen die Preispolitik kritisch: „Wie viel kostet Spotify, elf Euro im Monat? Das ist schon crazy – dafür bekommt man den ganzen Musikkatalog der Welt.“ Das schwedische Unternehmen zahlt Milliarden an Rechteinhaber, doch Künstler bekommen oft nur kleine Beträge. Besonders problematisch finden sie die Verträge der Major-Labels, die große Teile der Ausschüttungen einbehalten.

Vinyl sei bei ihren Fans beliebt, aber nicht vergleichbar mit Streaming, weil es nur einmal verkauft wird. Spotify ist für Lugatti & 9ine unverzichtbar – wie für alle anderen. Soundcloud oder andere Plattformen sind kein Ersatz, weil sie kaum Einnahmen bringen. Auch der Druck, ständig auf Social Media aktiv zu sein, nimmt zu.

Zwischen Sichtbarkeit und Realität

Streaming bietet Reichweite, aber kaum Geld. Das gilt in Köln für Brings genauso wie für Pogendroblem, Gabriel Ananda und Lugatti & 9ine. Viele Künstler kombinieren Einnahmen aus Konzerten, Merchandising, Förderungen und Verkäufen physischer Tonträger, um sich über Wasser zu halten.

Eine Übersicht der monatlichen Spotify-Hörer (Stand März 2025):

KünstlerHörerzahlGeschätzte Monatseinnahmen
Brings 800.000 ca. 2.700 €
Gabriel Ananda 170.000 ca. 700–800 €
Balbina 24.000 343,36 € (letzte Auszahlung)
Pogendroblem 24.000 unter 400 €

Die Realität hinter den Streamingzahlen ist ernüchternd: Sichtbarkeit ja – Existenzgrundlage nein. Die Kölner Musikszene bleibt kreativ, kämpferisch und präsent. Doch ohne Bühnen und alternative Einnahmequellen wäre Streaming für viele eine Sackgasse.

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger, YouTube